Meinung

Man kann's auch übertreiben – NATO-Propaganda wirkt plötzlich gegen Selenskij

Selenskij kann momentan nicht mehr um Geld und Waffen betteln. Warum? Na, fragen Sie doch die westlichen Mainstream-Medien und -Politiker: Die Ukraine "gewinnt" doch, oder? Doch die Realität behält naturgemäß die Oberhand – und Bilder von Bränden in Kiew schaffen es sogar in besagte Westmedien …
Man kann's auch übertreiben – NATO-Propaganda wirkt plötzlich gegen Selenskij© RIA Nowosti

Von Alexander Nossowitsch

Die wohl größte Lügen- und Desinformationskampagne der letzten Jahre – in deren Rahmen nämlich Kiew und der Westen seit mehreren Monaten zu beweisen versuchen, dass die Ukraine bereits gewonnen habe –, hat zu einem schlicht und ergreifend paradoxen Ergebnis geführt: Unter Bedingungen, in denen sich die Lage für Kiew täglich verschlechtert, arbeitet eben dieselbe antirussische Propaganda jetzt gegen das Selenskij-Regime.

Das Thema ist: Die westlichen Unterstützer und Gönner Kiews können ihre Investitionen in den Ukraine-Krieg nicht mehr auf die übliche Weise schnell erhöhen – also, alle "Menschen guten Willens" dazu aufrufen, die unglückliche Ukraine zu retten, die mit zusammengebissenen Zähnen leidet, blutet und ohne die Hilfe ihrer Verbündeten kurz vor dem Untergang steht. Schließlich sei doch die Ukraine dank der Bemühungen besagter Gönner in den Augen der westlichen Öffentlichkeit mittlerweile im Begriff, rasend schnell zu siegen – gemäß ihrer Propaganda jedenfalls. Warum also dann den Ausnahmezustand ausrufen und die Bemühungen zur Unterstützung des "unschuldigen Opfers" vervielfachen, die man sich selbst wird vom Munde absparen müssen?

Allein am Samstag, dem 4. Juli 2026, befreiten Russlands Truppen insgesamt fünf Ortschaften in der Volksrepublik Donezk und im Gebiet Charkow.

Auf allen Abschnitten der fast zweitausend Kilometer langen Frontlinie findet ein Vorstoß nach Westen statt.

Wichtiger als die Quantität ist indes die Qualität. Konstantinowka wurde befreit: Diese Stadt ist ein strategisch wichtiger Verkehrs- und Industrieknotenpunkt, der den Schlüssel zum städtischen, dicht besiedelten Gebiet Slawjansk-Kramatorsk darstellt – und Russland ermöglicht, die größte Verteidigungslinie der ukrainischen Streitkräfte einzunehmen.

Derweil erlitt Kiew vorige Woche den schwersten Angriff seit Beginn der letzten aktiven Phase der Feindseligkeiten im Jahr 2022. Gleichzeitig zerstörten Russlands Raketentruppen auch Militärflugplätze und wichtige militärisch relevante Infrastruktureinrichtungen in Dnepropetrowsk, Poltawa, Tschernigow und anderen Gebieten der Ukraine. Und in jedem Fall zeigte die ukrainische Luftverteidigung ihre schlicht säuglingshafte Hilflosigkeit: Sie ist einfach phänomenal löchrig, dazu meist sachfremd bis krumm und schief aufgestellt – und versucht zu allem Überfluss hin und wieder, Polen oder Rumänien zu bombardieren.

Alles Fakten – und Fakten sind das Hartnäckigste auf der Welt. Aber Selenskij und seine Sponsoren können diese Fakten nicht mehr in der für sie üblichen Weise nutzen: Das heißt, als Generalschlüssel, mithilfe dessen man beherzt in westliche Staatshaushalte hineinlangen und aus ihnen noch und immer mehr Diridari für die Ukraine herausholen konnte, funktionieren sie nicht mehr.

Ja, diese Herrschaften können es sich nicht einmal mehr leisten, Krokodilstränen über die unvermeidlichen Kollateralopfer unter der Zivilbevölkerung zu vergießen – weil sie sich selbst, aber auch der Öffentlichkeit ein Weltbild gezeichnet haben, in dem es nur Russland schlecht und schmerzhaft ergehen könne. Jetzt müssen sie dieses Weltbildes auch selbst würdig sein.

Es ist ein Bild für die Götter, wie diese professionellen Bettler, die ihr Geld damit verdienen, dass sie Spenden zur Hilfe für die "sterbende" Ukraine sammeln, sich heute in derartiger Selbstverleugnung üben müssen: Statt Filmmaterial aus der zum Bombenschutzkeller zweckentfremdeten Kiewer U-Bahn treten sie jetzt das Thema der Warteschlangen für Benzin in Russland zu Brei – mit Schadenfreude zwar, die sie auch dem Publikum einzuflößen versuchen, die aber bei ihnen selbst weniger glaubhaft als vielmehr traurig-aufgespielt wirkt. Selenskij schreit sich nicht mehr mit ausgestreckter Hand die Seele aus dem Leib. Europäische Politiker heben ihren Blick nicht gen Himmel und rufen nicht zur Solidarität mit dem leidenden ukrainischen Volk auf. Russland ist doch so gut wie "besiegt" – schon vergessen?

Auch ukrainische und westliche Mainstream-Medien üben sich in strengster Selbstzensur: Zu Einschlägen von Russlands Langstrecken-Lenkwaffen im ukrainischen Hinterland äußern sie sich nicht: Sie haben doch allen erzählt, dass die Ukraine einen Wendepunkt im "Drohnenkrieg" erreicht, nein, herbeigeführt habe – daher können solche Einschläge doch nur in Russlands Landesinnerem erfolgen.

Putins Weigerung, Selenskijs jüngster Bitte in einer Reihe von vielen nachzukommen, wird ebenfalls nicht behandelt: Wenn Putin doch unter den Angriffen ukrainischer Drohnen verliert und im Rückzug begriffen ist – warum verhandelt dann Selenskij mit ihm und nicht umgekehrt? Ja, warum kann Kiew dann überhaupt die Geografie der Kampfhandlungen einschränken wollen – wenn die Ukraine doch bald zu ihren Grenzen von Ende 1991 zurückkehren wird?

Diese groß angelegten Falschmeldungen haben sie aus mehreren Gründen nötig:

Der dringlichste davon, ein (fast schon) existenzieller, besteht darin, dass sie die Vereinigten Staaten wieder in den Konflikt hineinziehen wollen. Hierfür will man US-Präsident Donald Trump davon überzeugen, dass eine strategische Niederlage Russlands "erneut" in so etwas wie real messbare Nähe gerückt sei. Und natürlich auch, dass die US-Amerikaner einen gar nicht üblen Teil der Beute erhalten würden, falls sie sich wieder vollständig in das ukrainische Projekt hineinknien – und als Frist für diese Entscheidung wurde Washington der NATO-Gipfel vom 7. bis 8. Juli gesetzt. Und bis zu diesem Zeitpunkt ist es den Ukrainern strengstens untersagt, öffentlichkeitswirksam zu leiden und Schmerz- und Trauerschreie abzusondern.

Ihre epische Endzeitschlacht liefern sich das Selenskij-Regime und seine Fangemeinde also nicht mit den Russen – sondern mit der Realität. Und die Realität behält, wie man es so von ihr kennt, die Oberhand:

Selbst bis in die westlichen Medien dringen Nachtaufnahmen von Großbränden in Kiew vor. Die ukrainische Führung verzettelt sich in ihren Lügen über die inzwischen gefallene Stadt Konstantinowka. Das Weiße Haus hat ohnehin genügend unterschiedliche Informationsquellen zum Geschehen in der Ukraine: Erinnern Sie sich nur an das kürzliche anderthalbstündige Gespräch zwischen Trump und Putin.

Jetzt das Lächerlichste daran: Sobald das Stückchen scheitert und die Schauspieler mit faulen Eiern bombardiert werden, werden die Europäer und Selenskij auch nicht auf den Plan B umschalten können – sie haben sich eigenhändig diesbezüglich Hände und Füße gebunden. Wenn ihr Investitionsprojekt "Die Ukraine – der Sieger über Russland" auf dem NATO-Gipfel keine Unterstützung vom zahlkräftigen Washingtoner Publikum erhält – ja, dann wird man dort für eine an russischer Aggression sterbende Ukraine erst recht nichts Spürbares herausschlagen können. Wie denn auch? Ist doch die Inszenierung von vornherein auf eine völlig andere Dramaturgie ausgelegt. Wieso denn "retten"? Wie jetzt – dem Verderben ausgeliefert? Sie hat doch praktisch schon gesiegt!

Übersetzt aus dem Russischen und zuerst erschienen bei RIA Nowosti am 6. Juli 2026.

Alexander Nossowitsch, Jahrgang 1987, ist ein russischer Politologe und Journalist. Er ist ein Spezialist für sozialpolitische Prozesse im Baltikum, in der Ukraine und in Weißrussland und Chefredakteur des analytischen Portals Rubaltic.ru.

Mehr zum ThemaWeimer-Skandal ist Klacks dagegen – Welt-"Sicherheitsgipfel" 2026

RT DE bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

Durch die Sperrung von RT zielt die EU darauf ab, eine kritische, nicht prowestliche Informationsquelle zum Schweigen zu bringen. Und dies nicht nur hinsichtlich des Ukraine-Kriegs. Der Zugang zu unserer Website wurde erschwert, mehrere Soziale Medien haben unsere Accounts blockiert. Es liegt nun an uns allen, ob in Deutschland und der EU auch weiterhin ein Journalismus jenseits der Mainstream-Narrative betrieben werden kann. Wenn Euch unsere Artikel gefallen, teilt sie gern überall, wo Ihr aktiv seid. Das ist möglich, denn die EU hat weder unsere Arbeit noch das Lesen und Teilen unserer Artikel verboten. Anmerkung: Allerdings hat Österreich mit der Änderung des "Audiovisuellen Mediendienst-Gesetzes" am 13. April diesbezüglich eine Änderung eingeführt, die möglicherweise auch Privatpersonen betrifft. Deswegen bitten wir Euch bis zur Klärung des Sachverhalts, in Österreich unsere Beiträge vorerst nicht in den Sozialen Medien zu teilen.