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"Please, brother, I can’t breathe" – Großbritannien hat seinen George-Floyd-Fall

Die britische Polizei fesselt ein im Sterben liegendes Mordopfer. Der Grund: ein Rassismus-Vorwurf des Täters und seiner Komplizen. Nun untersucht eine Ermittlungskommission, ob sich die beteiligten Polizisten einer Verfehlung schuldig gemacht haben.
"Please, brother, I can’t breathe" – Großbritannien hat seinen George-Floyd-Fall© urheberrechtlich geschützt

Ab wann wird Antirassismus zum Täterschutz? Diese Frage stellt sich das Insel-Königreich spätestens seit dem Missbrauchsskandal von Rotherham. In der mittelenglischen Stadt konnten sich Grooming-Gangs mit meist pakistanischem Hintergrund über Jahre hinweg minderjährige Mädchen gefügig machen, sie missbrauchen und zur Prostitution zwingen. Die Opfer waren meist weiße Britinnen, häufig aus der Unterschicht. Die lokalen Behörden gerieten unter den Verdacht, aus Angst vor Rassismus-Vorwürfen den Beschuldigungen nicht nachgegangen zu sein.

Nun macht ein neuer Fall in Großbritannien Schlagzeilen, bei dem die Hautfarbe eine Rolle gespielt haben könnte: Im Dezember ermordete ein Sikh den 18-jährigen Erstsemester-Studenten Henry Nowak in der südenglischen Hafenstadt Southampton. Der Täter Vickrum Digwa hatte den jungen Mann mit polnischen Wurzeln mit einem 21 Zentimeter langen Zeremonialmesser erstochen. Am vergangenen Donnerstag verurteilte ein Gericht in Southampton Digwa wegen Mordes. Das Strafmaß wird am kommenden Montag verkündet.

Das Brisante an dem Fall: Die von Digwas Bruder herbeigerufene Polizei hatte zunächst dem sterbenden Opfer der Attacke Handschellen angelegt, obwohl es um Hilfe flehte. Nowaks letzte Worte "Bitte, Bruder, ich kann nicht atmen" erinnern dabei an die weltberühmt gewordene Klage "I can't breathe" des farbigen US-Amerikaners George Floyd, der 2020 bei seiner Festnahme durch US-Polizisten getötet worden war.

Dem Irrtum der britischen Polizisten lag eine Falschinformation von Digwas Bruder zugrunde, der gegenüber der Polizei eine rassistische Attacke gemeldet hatte. Berichten zufolge sollen die beiden Brüder das schwerverletzte Mordopfer zunächst festgehalten haben. Die Beamten wollen die schweren Stichverletzungen nicht sofort erkannt haben. Der Täter hatte ihnen verschwiegen, dass Nowak verletzt war.

Auch vor Gericht hielt der Angeklagte an dem Rassismus-Vorwurf fest und behauptete, er habe in Notwehr gehandelt. Der junge Student sei betrunken gewesen und habe den gläubigen Sikh rassistisch beleidigt und geschlagen. Auch sei ihm der Turban vom Kopf gerissen worden. Das britische Gericht schenkte dieser Darstellung jedoch keinen Glauben.

Der Southampton Crown Court sprach auch die Mutter des Täters schuldig, weil sie das Tatmesser versteckt hatte. Bei den Urteilen spielten auch Film- und Audioaufnahmen vom Tatort eine Rolle. Der 23-jährige Digwa hatte sein Opfer gefilmt, anstatt einen Krankenwagen zu rufen.

Mittlerweile hat sich der stellvertretende kommissarische Polizeichef Robert France öffentlich für das Vorgehen seiner Kollegen im Fall Nowak entschuldigt. Die Polizisten hätten am Tatort eine unübersichtliche Lage vorgefunden. Die Angelegenheit werde von der unabhängigen Beschwerdestelle IOPC untersucht. Die Untersuchung dauere noch an.

Sobald die am Tatort anwesenden Polizeibeamten die Schwere von Nowaks Zustand erkannten, hätten sie die Handschellen entfernt, die Ambulanz gerufen und mittels Reanimationsmaßnahmen um das Leben des Studenten gekämpft. Henry Nowak sei jedoch nach Ansicht eines Pathologen nicht mehr zu retten gewesen.

In Großbritannien mehren sich indes Stimmen, die die verbindlichen Antirassismus-Schulungen bei der Polizei kritisieren. Für Chris Philp, den innenpolitischen Sprecher der Konservativen Partei, ist das Vorgehen der betroffenen Beamten "beschämend". Sie hätten den Rassismus-Vorwürfen ohne kritische Prüfung geglaubt.

Offenbar sei die Polizei mehr daran interessiert, "jemanden, der beschuldigt wurde, eine rassistische Bemerkung gemacht zu haben, in Handschellen zu legen, als einen sterbenden Mann zu retten". Die Polizei müsse mit ihrer Fixierung auf Rasse und angeblichen Rassismus Schluss machen.

Ein Sprecher eines britischen Sikh-Verbandes warnte derweil gegenüber dem Sender BBC vor einer Dämonisierung der Sikh-Gemeinschaft und konstatierte einen Anstieg von Hass-Verbrechen. In der britischen Politik gibt es hingegen Bestrebungen, die bislang geltende Ausnahmeregelung für Sikhs zu kippen, die ihnen das öffentliche Tragen des Kirpan-Dolches aus religiösen Gründen gestattet.

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